Summer School Japan 2025

Zusammenfassung
Die Summer School „TUAT meets TUM – Japan 2025“ vom 09. Bis 19.03.2025 war eine interdisziplinäre Fachexkursion nach Kyoto, Fukushima und Tokio, in der 9 Studierende, 3 Doktoranden und Prof. Bernhardt gemeinsam mit Kollegen der Tokyo University of Agriculture and Technology (TUAT) an Zukunftsfragen zu Energie, Landwirtschaft, Technologie und Katastrophenresilienz gearbeitet haben.
Programm, Route und Format
Die Summer School war im Joint-Program „FLOuRISH with Science Tech Innovation of Sustainable Energy and Agriculture by Art Design Thinking“ verankert und kombinierte Vorbereitungsworkshops, Exkursionen, Forschungsprojekte und kulturelle Programmpunkte. Nach einer Online-Pre-Program mit Team-Bildung und einem “Art & Design Thinking” Workshop reiste die TUM-Gruppe zunächst nach Kyoto, bevor das gemeinsame Präsenzprogramm in Fukushima und anschließend auf dem TUAT Campus in Tokio stattfand.
Der Ablauf umfasste Besuche in Fukushima (Robot Test Field, TEPCO Decommissioning Archive Center, Fukushima Daiichi Nuclear Power Plant, Nuclear Disaster Memorial Museum, Wonder Farm, Hydrogen Energy Research Field) sowie mehrere Tage Gruppenarbeit und Abschlusspräsentationen an der TUAT in Fuchu. Insgesamt arbeiteten fünf gemischte Teams aus deutschen und japanischen Studierenden zu unterschiedlichen Schwerpunkten an der Schnittstelle zwischen nachhaltiger Energie, Agrarsystemen und Katastrophenmanagement.
Fachlicher Fokus: Kernenergie, Energiepolitik und Fukushima
Ein inhaltlicher Schwerpunkt lag auf der Rolle der Kernenergie in Japan und Deutschland, insbesondere vor dem Hintergrund der Nuklearkatastrophe von Fukushima Daiichi 2011. Projektgruppen analysierten die Funktionsweise von Kernkraftwerken, die historische Entwicklung der Atomenergie und die unterschiedlichen politischen Reaktionen – vom deutschen Atomausstieg bis hin zur erneuten Inbetriebnahme japanischer Reaktoren aus Gründen der Versorgungs- und Importunabhängigkeit.
Der Besuch in der Region Fukushima war dabei ein zentrales Element: Die Studierenden erlebten verlassene Siedlungen, großflächige Dekontaminationsmaßnahmen und den enormen technischen und finanziellen Aufwand, der betrieben wird, um die Präfektur schrittweise wieder nutzbar zu machen. TEPCO präsentierte vor Ort das mehrstufige Rückbau- und Dekontaminationskonzept, darunter Bodenabtrag in Millionen Kubikmetern, Wasseraufbereitungssysteme, strahlenresistente Roboter und massive Schutz- und Lagerstrukturen.
Gleichzeitig machten die Gespräche deutlich, dass Japan und Deutschland das gleiche Ereignis sehr unterschiedlich verarbeiten: Während Fukushima in Deutschland als Bestätigung des Ausstiegs gilt, steht in Japan stärker die Wiederherstellung von Lebensräumen, regionaler Wirtschaft und Energieversorgung im Vordergrund. Für die Studierenden wurde so greifbar, wie eng technologische Entscheidungen mit kulturellen Wertvorstellungen, politischer Kultur und gesellschaftlichem Vertrauen verknüpft sind.
Katastrophenmanagement, Landwirtschaft und neue Technologien
Mehrere Projektgruppen beschäftigten sich mit dem Katastrophenmanagement und der Rolle der Landwirtschaft und der Technik in Prävention, Akutphase und Wiederaufbau. In den Arbeiten wurden innovative Ansätze wie vertikale Landwirtschaft und Hydroponik als resiliente Produktionstechniken in Krisenszenarien, Küstenforste als „grüne Infrastruktur“ gegen Tsunamis sowie die Nutzung landwirtschaftlicher Betriebe als multifunktionale Katastrophen-Hubs (Flächen, Maschinen, Energie, Sanitär) diskutiert.
Ein wichtiges Feld war der Einsatz von Robotik und Drohnen: Am Fukushima Robot Test Field sah die Gruppe unterschiedlichste Systeme zur Schadenslokalisierung, Strahlungsmessung, Gebäudebewertung und Personensuche im Einsatz oder in der Erprobung. In den Projektarbeiten wurden darauf aufbauend Ideen zur Vernetzung von Drohnen über Mesh-Kommunikationsprotokolle, zu rechtlichen Rahmenbedingungen für BVLOS-Flüge und zur KI-gestützten Auswertung von Sensordaten entwickelt, um Reaktionszeiten und die Effizienz des Katastrophenmanagements zu verbessern.
Die Wonder Farm in der Präfektur Fukushima diente als praktisches Beispiel für geschützten, stark kontrollierten Gemüseanbau (Tomaten) im ehemaligen Krisengebiet, einschließlich der Direktvermarktung und der Gastronomie. Dies ist ein beispielhaftes Modell, das Agrarproduktion, Wertschöpfung und regionales Image gleichermaßen adressiert. So wurde deutlich, wie die Landwirtschaft Teil von Wiederaufbau- und Vertrauensstrategien nach einem Großschadensereignis sein kann.
Digitalisierung, „New Industry Agriculture“ und globale Beispiele
Im Themenbereich „New Industry Agriculture – Technological Innovations and Future Directions“ standen digital gestützte Verfahren zur Effizienzsteigerung und Ressourcenschonung im Vordergrund. Diskutiert wurden unter anderem die teilflächenspezifische Bewirtschaftung mit Drohnendaten und KI-gestützter Unkrauterkennung, die Spot-Spraying-Technik sowie autonome Feldroboter mit Beispielen aus Deutschland, Japan und den USA.
Japanische Projekte im Gewächshausbereich zielten vor allem auf Arbeitskräftemangel ab, etwa autonome Gurkenernte auf Basis von Kamera und Bilderkennungssystemen. Parallel dazu wurden autonome Traktoren und Präzisionsanwendungen aus dem US-Kontext herangezogen, um zu zeigen, wie ähnliche digitale Bausteine in sehr unterschiedlichen Produktionssystemen eingesetzt werden können.
Im Fukushima-Kontext wurden technologische Antworten auf Kontamination und Flächenverlust vertieft, von großflächigem Oberbodenabtrag über vermehrten geschützten Anbau bis hin zu streng digital überwachten Lebensmittelsicherheitsmaßnahmen. Diese Beispiele führten Studierenden vor Augen, dass technologische Innovationen immer auch unter extremen Rahmenbedingungen gedacht werden müssen, etwa bei Strahlung, Flächenknappheit und gesellschaftlichem Misstrauen.
Interkulturelle Zusammenarbeit und Arbeitskulturen
Ein Kernelement der Summer School war die internationale Gruppenarbeit mit Studierenden der TUAT und der TUM aus insgesamt 7 Nationen. In den Projektteams wurden Unterschiede in Kommunikationsstilen, Entscheidungsprozessen und Arbeitsorganisation deutlich: deutsche Studierende tendierten zu direkter Diskussion und früher Kritik, während japanische Teammitglieder Vorschläge zunächst intern reflektierten, Hierarchien stärker berücksichtigten und Kritik eher indirekt formulierten.
Im Vergleich dazu wurden chinesische Studierende von den TUM-Teilnehmenden oft als offener und diskussionsfreudiger wahrgenommen, während japanische Kommilitonen mehr Zeit brauchten, um auch außerhalb des universitären Settings Kontakte zu knüpfen – taten dies dann aber sehr verbindlich und zuverlässig. Diese Kontraste spiegelten sich auch im Verständnis von Arbeitsethos: In Japan wurde Leistung häufig durch Präsenzzeit und formalen Ablauf definiert, etwa in abendlichen Meetings nach langen Tagen, während in Deutschland die Ergebnisorientierung stärker im Vordergrund steht.
Gleichzeitig erlebte die Gruppe im Alltag eine außergewöhnliche Höflichkeit, Dienstleistungsorientierung und Detailgenauigkeit, die den Blick auf Professionalität und Verantwortung im eigenen Berufsleben nachhaltig schärften.
Persönliche Learnings und Fazit der Gruppe
Für die Studierenden war die Summer School sowohl fachlich als auch persönlich ein intensiver Perspektivwechsel. Sie konnten ihr Wissen zu Energiepolitik, Agrarsystemen, Digitalisierung, Katastrophenmanagement und Technikfolgenabschätzung an einem herausfordernden Beispiel (Region Fukushima) überprüfen und um internationale Perspektiven erweitern.
Viele Berichte heben hervor, dass Japan im Bereich Rückbau und Dekontamination von Nuklearanlagen künftig eine internationale Vorreiterrolle einnehmen könnte und dass gerade hier Anknüpfungspunkte für weitere Forschungskooperationen liegen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Hightech-Nationen wie Japan nicht primär durch „mehr Technik“, sondern durch konsistente, alltagsnahe Anwendung und gesellschaftliche Akzeptanz technologischer Lösungen geprägt sind.
Für den Lehrstuhl unterstreicht die Summer School Japan 2025 die Bedeutung internationaler Partnerschaften, interdisziplinärer Ausbildung und der Verbindung von Agrarsystemtechnik mit Energie‑, Umwelt- und Gesellschaftsfragen. Das Format „TUAT meets TUM“ zeigt, wie sich Forschung, Lehre und interkulturelle Kompetenz zu einem Programm verbinden lassen, das Studierende gezielt auf die Gestaltung nachhaltiger Landwirtschafts- und Energiesysteme in einem globalen Kontext vorbereitet.
























