Summer School USA Midwest 2025

Zusammenfassung
Die Summer School “Midwest-USA 2025” vom 06. bis 20.06.2025 war eine Fachexkursion durch Teile des Corn Belt der USA. Die Gruppe, bestehend aus 15 Studierenden und 5 Betreuern, erlebte hier moderne Agrarsysteme, die amerikanische Landtechnikindustrie, die agrarwissenschaftliche Spitzenforschung und die ländliche Kultur des Mittleren Westens in ihrer ganzen Breite.
Route und agrarische Landschaft
Die Reise führte durch die Bundesstaaten Illinois, Wisconsin, North Dakota, Minnesota, Nebraska, Kansas, Missouri und Iowa – durch den Corn Belt, eine der produktivsten Agrarregionen der Welt, mit einem Anteil von 33% an der weltweiten Mais- und 34% an der weltweiten Sojaproduktion. Scheinbar endlose, flache Schläge und eine hochmechanisierte Landwirtschaft prägten das Bild, das viele bisher nur aus Lehrbüchern und Videos kannten.
Die Betriebe, die besucht wurden, waren meist familiengeführt, aber mit einer technischen Dimension, die im Vergleich zu Deutschland an industrielle Produktion erinnert: Großtraktoren mit Raupenlaufwerken, Air Seeder, leistungsstarke Mähdrescher und eigene Lkw-Flotten für die Erntelogistik. Gleichzeitig traten die Kehrseiten deutlich hervor: monotone Fruchtfolgen, Erosionsrisiken, Nährstoffüberschüsse und wachsende Herausforderungen durch den Klimawandel und Resistenzen im Pflanzenschutz.
Zuckerrüben im Red River Valley
Ein Schwerpunkt der Exkursion lag im Red River Valley an der Grenze zwischen North Dakota und Minnesota, dem größten Zuckerrübenanbaugebiet der USA. Die Region beeindruckte durch ihre extrem ebenen, fruchtbaren, tonigen Böden, die aus der Vergangenheit als Seeboden des Lake Agassiz hervorgegangen sind und heute den intensiven Ackerbau und einen hohen Mechanisierungsgrad ermöglichen.
In zwei familiengeführten Betrieben lernten die Studierenden ein System kennen, das “weit“ gezogene Fruchtfolgen (Mais, Soja, Weizen, Zuckerrüben) mit intensivem Pflanzenschutz kombiniert. Roundup-Ready-Sorten, Glyphosat in Kombination mit weiteren Herbiziden, bis zu sechs Fungizidbehandlungen pro Saison sowie der ausschließliche Einsatz von Mineraldüngern zeigen ein differenzierteres Risikoverständnis als in Deutschland.
Besonders eindrücklich war das dreistufige Erntesystem von Amity Technology: separater Blattabschlag, gezogene Roder, Überladewagen und Lkw bilden eine schlagkräftige Kette, mit der in nur rund zwei Wochen die gesamte Zuckerrübenernte eingebracht wird. Die Rüben werden anschließend auf zentralen „pile grounds“ in bis zu sechs Meter hohen Mieten gelagert und frieren über den Winter vollständig durch – eine klimatisch bedingte Lagerstrategie, die es in dieser Form in Zentraleuropa nicht gibt.
Auch die genossenschaftlich organisierte Verarbeitung mit American Crystal Sugar und MinnDak Farmers Cooperative war ein zentrales Lernfeld: Die Landwirte sind dort nicht nur Rohstofflieferanten, sondern als Anteilseigner direkt an der Verarbeitung, Vermarktung und Wertschöpfung beteiligt.
Landmaschinen, Produktionsstätten und Marktstrukturen
Ein zweiter Hauptbestandteil der Exkursion waren die Besuche bei den weltweit führenden Landmaschinenherstellern wie Fendt/AGCO in Jackson (MN), John Deere in Waterloo (IA), East Moline (IL) und Des Moines (IA), Claas in Omaha (NE), CNH in Fargo (ND) sowie Amity Technology in Fargo (ND) und Horsch in Mapleton (ND). Die Studierenden konnten Fertigungslinien, Montageprozesse und Qualitätsmanagementstrukturen unmittelbar erleben und mit europäischen Standards vergleichen.
Im US-Markt dominieren Full-Line-Anbieter wie John Deere, CNH und AGCO, die nahezu das gesamte Maschinenportfolio von der Bodenbearbeitung über Aussaat, Pflanzenschutz und Ernte bis hin zu Baumaschinen und Greenkeeping abdecken. Ihr dichtes Händlernetz, umfassende Servicepakete und integrierte digitale Plattformen führen zu einer außergewöhnlich starken Kundenbindung und Marktposition, was sich auch in Gesprächen mit Landwirten deutlich zeigte.
Demgegenüber stehen europäische Hersteller wie Horsch und Claas, die sich auf Qualität, Spezialisierung und individuelle Lösungen setzen, aber mit strukturellen Hürden zu kämpfen haben. Dazu zählen der Aufbau leistungsfähiger Händlernetze, die Sicherstellung der Ersatzteilversorgung, die Wiedervermarktung von Gebrauchtmaschinen sowie mögliche zusätzliche Handelsbarrieren.
Die Werke unterschieden sich auch im Blick auf Fertigungsgenauigkeit, Qualitätssicherung und Arbeitsschutz: Fendt und Claas präsentierten systematische Qualitätskontrollen, teilautomatisierte Messverfahren und ausgeprägte Ausbildungsprogramme, etwa ein dual orientiertes Mechatronik-Ausbildungszentrum in Omaha. In einigen US-Werken waren Fertigungsprozesse robuster und stärker auf Durchsatz als auf maximale Präzision ausgelegt, was den Studierenden die kulturell unterschiedlichen Vorstellungen von Qualität und Effizienz vor Augen führte.
Forschung, Digitalisierung und Wissenstransfer
Die Besuche an der North Dakota State University, der University of Nebraska–Lincoln und der University of Missouri zeigten eine anwendungsnahe, stark technikorientierte Agrarforschung. Die Themen reichten von Drohnen und Fernerkundungssystemen über GPS-gestützte Anwendungen, autonome Hackroboter und Spot-Spraying bis hin zu KI-basierten Verfahren zur Pflanzen- und Tiererfassung.
An der NDSU stand neben Agrarsystemtechnik auch der enge Praxisbezug durch die Extension-Strukturen im Fokus, die als Schnittstelle zwischen Forschung, Beratung und Betriebspraxis dienen. Die Grand Farm in der Nähe von Fargo fungiert hier als Schnittstelle, an der Universitäten, Start-ups und Agrarunternehmen neue Technologien unter realen Feldbedingungen testen und gemeinsam weiterentwickeln.
In Nebraska erhielten die Studierenden Einblick in das Nebraska Tractor Test Laboratory, wo Traktoren seit 1920 unabhängig auf Leistung, Verbrauch und Geräuschentwicklung geprüft werden. Ergänzend wurden Projekte im Bereich Precision Livestock Farming vorgestellt, etwa datenbasierte Systeme zur Überwachung von Tierwohl und Produktivität in der Schweinehaltung.
An der University of Missouri standen wiederum die automatisierte Pflanzenerkennung, die 3D-Phänotypisierung und die Smart-Swine-Technologien im Mittelpunkt. Über alle Standorte hinweg nahm die Gruppe mit, dass der Wissenstransfer in den USA oft mutiger, schneller und marktnäher organisiert ist, zugleich jedoch eine starke Abhängigkeit von Drittmitteln und hohen Studiengebühren besteht.
Pflanzenschutz, Züchtung und Bayer-Besuch
Ein weiterer inhaltlicher Schwerpunkt war der Umgang mit Pflanzenschutz und Züchtung, der sich deutlich vom europäischen Vorsorgeprinzip unterscheidet. Die Studierenden erlebten einen präventiven, intensiven Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, den breiten Anbau gentechnisch veränderter Sorten und eine hohe Akzeptanz von Technologien wie Roundup-Ready-Pflanzen.
Beim Besuch des Bayer-Standorts in St. Louis wurden moderne Züchtungsstrategien und Saatguttechnologien vorgestellt, darunter die hochautomatisierte Genotypisierung von Saatgut sowie die Entwicklung von Short-Corn-Sorten mit Fokus auf Standfestigkeit und Befahrbarkeit. Die Präsentationen machten deutlich, wie stark datengetriebene Prozesse, Skalierbarkeit und Wirtschaftlichkeit die Entwicklungsentscheidungen prägen.
Viele Teilnehmende beschrieben ihre Eindrücke als Mischung aus Faszination und Irritation: Einerseits beeindruckten Geschwindigkeit und Effizienz der Systeme, andererseits war der distanziertere Umgang mit Umwelt- und Risikothemen spürbar. Im Vergleich zu Deutschland wurden Fragen zum Resistenzmanagement, zur Biodiversität und zu langfristigen Ökosystemeffekten deutlich weniger prominent adressiert.
Kulturelle Eindrücke und ländlicher Alltag
Neben den fachlichen Inhalten prägten kulturelle Erfahrungen den Charakter der Reise – etwa der Besuch eines Rodeos in Wisconsin, der vielen als Schlüsselszene für das Selbstverständnis ländlicher Gemeinschaften im Gedächtnis blieb. Cowboyhüte, Stiefel, die allgegenwärtige amerikanische Flagge und ein starkes Gemeinschaftsgefühl zeigten, wie eng Landwirtschaft, Tradition und nationale Identität miteinander verknüpft sind.
Eindrücke aus Supermärkten, Outdoor- und Tractor-Supply-Stores, in denen Arbeitskleidung, Waffen und Jagdausrüstung gleichrangig nebeneinanderstehen, machten deutlich, dass Konsum, Weltanschauung und Alltagskultur kaum trennbar sind. Gleichzeitig wurden die Abhängigkeit vom Auto und das Fehlen eines flächendeckenden öffentlichen Verkehrsnetzes spürbar, was die strukturelle Isolation vieler ländlicher Räume unterstreicht.
In Gesprächen mit Studierenden, Landwirten und Unternehmensvertretern traten zudem die politischen und gesellschaftlichen Spannungen im Land hervor: urbane Zentren versus ländliche Räume, unterschiedliche Sichtweisen auf Themen wie Klimapolitik, Waffengesetze oder Migration sowie ein tiefes Bedürfnis nach Anerkennung regionaler Lebensrealitäten. Die große persönliche Offenheit und Freundlichkeit der Gastgeber waren typisch für die USA, ebenso das Gefühl, ein Land im Spannungsfeld zwischen Freiheitsversprechen und gesellschaftlicher Fragmentierung zu erleben.
Persönliche Learnings und Fazit der Gruppe
Für die Studierenden war die Exkursion sowohl fachlich als auch persönlich ein intensiver Perspektivwechsel. Sie konnten ihr Wissen zu Agrartechnik, Produktionssystemen, Pflanzenschutz, Züchtung und Wissenstransfer anhand realer Beispiele überprüfen, vertiefen und um internationale Erfahrungen erweitern.
Mehrfach wurde betont, wie wichtig gut ausgebildete Fachkräfte und strukturierte Ausbildungssysteme für Qualität und Innovationsfähigkeit sind und dass das duale System in Deutschland aus amerikanischer Sicht als besondere Stärke wahrgenommen wird. Gleichzeitig wurden neue Karriereoptionen sichtbar, etwa Praktika oder Tätigkeiten bei internationalen Unternehmen und Forschungseinrichtungen im US-amerikanischen Agrarsektor.
Die Reise machte deutlich, dass es nicht die „eine“ richtige Landwirtschaft gibt, sondern vielmehr unterschiedliche, historisch und kulturell gewachsene Modelle mit eigenen Chancen und Grenzen. Genau dieser Vergleich von Red River Valley versus bayerische Standorte, Full-Line-Konzern versus Spezialmaschinenhersteller oder US-Extension-System versus deutsche Beratung wurde von vielen als größter Mehrwert der Summer School beschrieben.
Für den Lehrstuhl unterstreicht die Exkursion die Bedeutung internationaler Vernetzung, praxisnaher Lehre und einer reflektierten Auseinandersetzung mit globalen Agrarsystemen als Grundlage dafür, die Landwirtschaft der Zukunft wissenschaftlich fundiert und verantwortungsvoll mitzugestalten.
Programm
| Date | Activity |
|---|---|
| 06 June | Arrival (MUC - ORD) & ride to Merrill, WI |
| 07 June | Visiting Wisconsin River Pro Rodeo |
| 08 June | Ride to Fargo, ND |
| 09 June | AgTech Week with North Dakota State University, ND (NDSU, Leon Schumacher and staff) |
| 09 June | Farm visit and welcome dinner at NDSU |
| 10 June | Tour and Discussions at CNH Fargo Plant |
| Tour and Discussions at Amity Technology with Micheal Anderson | |
| Dinner with "Deutscher Stammtisch Fargo" | |
| 11 June | Tour and Discussions at Horsch LLC with Lucas Horsch |
| Grand Farm Field Days – Early Season Technology | |
| Ride to Jackson, MI | |
| 12 June | Tour and Discussions at Fendt Lodge with Kevin Jones |
| Ride to Lincoln; NE | |
| 13 June | Tour and Discussions at Claas with Matt Ristow |
| Visiting University Nebraska Lincoln and meeting Tammi Brown-Brandl and Santosh Pitla Visiting the Nebraska Tractor Test Laboratory | |
| 14 June | Visiting Harry S. Truman Presidential Library & Museum, Kansas City, KS |
| Ride to St. Louis; MO | |
| 15 June | Free activities in St. Louis, MO |
| 16 June | Visiting St. Louis and meeting Dr. Dominik H. Hoffmann at Bayer AG (former Monsanto campus) |
| 17 June | Visiting Missouri University, Columbia, MO and meeting Jianfeng Zhou |
| Ride to East Moline, IL | |
| 18 June | Tour through John Deere Harvester Works Factory |
| Visiting John Deere Historic Site, Dixon, IL | |
| Ride to Waterloo, IA | |
| 19 June | Visiting John Deere Tractor Museum, Waterloo, IA |
| Visiting John Deere Tractor Plant, Des Moines, IA | |
| Ride to Chicago, IL and farewell dinner | |
| 20 June | Free time and meeting at Chicago O'Hare |
| Departure ORD - MUC |













